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"Die zunehmende künstlerische und mentale Intensität und die Suche nach dem persönlichen Ausdruck führten im Verlauf der letzten Jahre zwangsläufig zur Steigerung der künstlerischen Tätigkeit und auch der Ambitionen. (...) Die Werke sind nicht nur umfangreicher, sondern auch immer professioneller geworden. Sie drängen nach Aussen, verlangen nach Oeffentlichkeit und Auseinandersetzung mit dem Publikum. (...)
Zwei Dinge stechen bei diesen Arbeiten als Erstes ins Auge: der absolute Wille zur Reduktion und die Dialektik des Ausdrucks. Die Graphitzeichnungen aus dem Unterengadin kommen mit ganz wenig bis fast nichts aus. Nicht Nachahmung und Detailtreue bestimmen den sparsamen Strich, vielmehr der Versuch, das Wesen der Landschaft mit wenigen Zeichen einzufangen.
Eine irritierende Dialektik kommt in der siebenteiligen Arbeit "Ifang" zum Ausdruck. Das Motiv der Einzäunung, der Umfriedung, wie es im Alpenraum das Wiesland prägt, das dem felsigen Boden abgerungen wurde, taucht in den Zeichnungen verschiedentlich auf. In der grossangelegten, mehrteiligen Arbeit "Ifang" ist es zentral. Die mit Graphit und Pigment bearbeiteten kreidegrundigen Papiere wachsen zu "Seelenlandschaften" aus, die in ihrer Verletzlichkeit nach Schutz verlangen. Die darüber gelegten Wellplatten aus bläulichem Acrylstoff wecken instinktiv den Widerstand des Betrachters, stehen sie mit ihrer optisch verminderten Durchlässigkeit doch im offenkundigen Widerspruch zu den Feinheiten der darunter liegenden Zeichnungen. Das Sensibelste wird durch das Unsensibelste bedeckt, geschützt, verborgen oder erst recht dem forschenden Auge des Betrachters anheimgestellt. Die Dialektik des Versteckens und Enthüllens ist jedenfalls auf die Spitze getrieben. (...)
Walter Angehrn (...) empfinde ich als Lyriker mit dem Graphitstift."
Dr.Elisabeth Keller-Schweizer zur Eröffnung der Ausstellung "Ifang", Mai 2005
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Zeigen? - Zeigen! - Zeigen.
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Was soll nun dieses Zeigen, in der Einladung wie im Märchen dreimal wiederholt mit je einem anderen Satzzeichen? Zeigen wird nur in einer Beziehung zu einem Menschen, zu sich selbst oder zu seiner Sache sinnvoll. Zeigen ohne inneres oder äusseres Gegenüber ist unmöglich. Begonnen hat dieses "Zeigen" als gute und sinnvolle Idee, die eigenen Bilder nicht geheimniskrämerisch vorzuenthalten. Ein weiterer Aspekt, der "Zeigen" charakterisiert: Zeigen entlarvt. (...) Und so geschah es, dass es mit einem Ausrufezeichen versehen werden musste. (...) Gärt nicht die Seele noch vor sich hin und weigert sich erst einmal, sich gleich zu offenbaren? Haben wir es doch mit etwas zu tun, das Edgar Allan Poe einmal so beschrieben hat: "Kunst ist die Betrachtung der Phänomene durch den Schleier der Seele."
Und wies er mit dem feinen Gewebe des Schleiers nicht auch auf eine Durchlässigkeit und Verletzlichkeit hin, die während solch innerer Auseinandersetzungen entstehen? Wer von uns hat nicht schon selbst bemerkt, wie verwirrend sich solch innere Szenen manchmal gestalten und wie dünnhäutig wir werden, wenn wir beginnen, solch fremde Welt abzutasten? Es erstaunt daher nicht, dass der in den Falten des Schleiers zu webende Stoff oft unter enormer Spannung, letztlich einer kreativen, entsteht. Die Gefühle spielen verrückt, es ist oft zum Ver-rückt werden. (...)
Zeigen ist -wie bereits gesagt- eigentlich immer nur in einer Begegnung möglich. Wenn Begegnungen stattfinden, dann immer in Räumen; in Innenräumen, in Aussenräumen, in innerseelischen, in zwischenmenschlichen, in realen und symbolischen. Zu einem Raum gehört immer auch eine Grenze, auf der sich Innen und Aussen vermischen. (...)
Zurückbleiben wird hoffentlich, was uns über euere Bilder zwischen Innen und Aussen berührt. Spuren dieser Erzählungen aus dem Zwischenbergtal, die ein Gefühl des eigenen Lebendigseins hinterlassen. In diesem Sinne werden wir nun -um mit Ingeborg Bachmann zu schliessen- "aus der Verzauberung entlassen, mit dem Geschmack für die Wirklichkeit." (Italienische Passagen)
Andreas Wöhrle zur Eröffnung der Ausstellung "Zeigen? - Zeigen! - Zeigen." 2005
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Aussen- und Innenwelten
In seiner vertraut unaufgeregten "Zeichensprache" erzählt der St.Galler Künstler Walter Angehrn vom Verwischen der Grenzen zwischen Innen und Aussen.
"Inside-out" bespielt Raum und Zeit.
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Ein Zerreissbuch
Fast scheu scheint die Hand das grosse Weiss zu "beflecken". Der Reinheit entrissen, wird es zur Unterlage, zur Basis, schliesslich zum metaphysischen Raum für ein (un-)sichtbares In-Bewegung-Kommen. Graphit und Oelkreide beschreiben seelische Befindlichkeiten von Macher und Betrachtenden. Man muss unweigerlich an den kleinen Prinzen denken und auch an eine spontan agierende Kinderhand. Zeichne mir einen Mond und wenn er dann leuchtet in seiner zögerlichen Rundung, ist's einem, als läge in der darüber gelegten gelblich schimmernden Graphit-Schraffur die ganze Nacht in Brokat.
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Räume ausleuchten
Ruhender Kokon und wirbelnde Fliegenbeine im Kopf. Stockendes und fliessendes "Einkreiden". Aushalten den kratzenden Summton im Zwerchfell, und die verursachten Risse im zerknitterten Seelengewand mit Trauergarn flicken. Der anschwellenden Mehrstimmigkeit in ihrer ausbrechenden Heftigkeit folgen.
Als Antwort auf diese inneren Zwiegespräche legen sich ausgefranste Schatten auf die Linien. Doch das Spiel in Variationen verweigert sich der Zuordnung. (...) Das weiche Timbre legt sich auf den Schein der "Laterna magica". (...) Angezündet wirft die Zauberlaterne ihr Licht auf die stillen Betrachtungen des Künstlers, der in und um sich ein- und ausräumt, entrümpelt und ordnet und bei jedem neuen Versuch ahnt, dass die Un-Ordnung seiner Handschrift bester Meister ist.
Martin Heidegger fragt in seinem Text "Die Kunst und der Raum" danach, was mit Räumen -bewohnten und unbewohnten- geschehe und schreibt: "(...) zum andern bereitet das Einräumen den Dingen die Möglichkeit, an ihr jeweiliges Wohin und aus diesem her zueinander zu gehören"
Trifft auch auf "Inside-out" (...) zu."
Brigitte Schmid-Gugler im St.Galler Tagblatt vom 15.1.2007 zur Ausstellung "Inside-out"
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Publikation:
8 x Zeichnung
Die Publikation <8 x Zeichnung> erscheint zur gleichnamigen Ausstellung, veranstaltet von "Kultur im Bahnhof" der Klubschule Migros St.Gallen in den Galerien im 1. und 2.Stock vom 26.September bis 26.Oktober 2008
Verlag Ivo Ledergerber, CH-9000 St.Gallen, ISBN 978-3-906771-60-1
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New York Times, Ausgabe vom 9.Juli 2009
http://www.nytimes.com/2009/07/09/garden/09location.html?ref=garden
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"Ich hatte viel Bekümmernis ..."
Eine Reflexion in Bildern über die Kantate BWV 21 von J.S.Bach
Ausstellungsbesprechung St.Galler Tagblatt vom 26.2.2009
Aus Berührtsein werden Zeichen
Schloss Dottenwil: 28 Stationen umfasst Walter Angehrns Reflexion über eine Bach-Kantate. Der ehemalige St. Galler Arzt, der sich ganz der Kunst zugewandt hat, zeigt eine Symbolsprache, die weit über das musikalische Thema hinausgeht.
MARTIN PREISSER
Wittenbach. «Ich hatte viel Bekümmernis in meinem Herzen, aber Deine Tröstungen erquicken meine Seele.» So beginnt Johann Sebastian Bachs Kantate BWV 21. Auf Kummer folgt Trost, später im Text auch Jauchzen auf Ächzen.
Das Dunkle aushalten
Im Hellen ist immer auch das Dunkle und umgekehrt, auch das sagt Bach in dieser geistlichen Musik. Walter Angehrn stellt sich dieser gegenseitigen Bedingtheit in seiner bildnerischen Reflexion deutlich spürbar. «Wir haben die Tendenz zu spalten, das Dunkle herauszuhalten», sagt er und spaltet in seinen hochformatigen Bildern eben gerade nicht.
Nie ist auf den Arbeiten besänftigendes Weiss einfach weiss, oft muss es das Dunkle daneben und darüber aushalten. Walter Angehrn hat für die Kantaten-Texte, die er – den Widerstand der Tuschefeder nicht verbergend – manchmal in beinahe eruptivem Duktus erst einmal aufs Papier setzt, sein ganz eigenes, archaisch reduziertes «Alphabet» gefunden. Er setzt seine Zeichensprache klar, bewusst und doch in erster Linie voll Behutsamkeit, durch die Zeichen vorrangig seiner Ergriffenheit von Bachs Musik und des Dichters Text den gebührenden Raum einräumen wollend. «Was macht diese Musik mit mir?» Das war für Walter Angehrn die Ausgangsfrage dieses Zyklus.
Glück und Verzagtheit
Zart und im sorgfältigen Nicht-Zuviel nähert er sich bildnerisch seinem Thema, das eine Bach-Kantate ist, aber – gesehen in diesen Zeichen – vor allem auch Bild ist widerstrebenden Lebensgefühls zwischen Glück und Verzagtheit, zwischen Hinwendung und Rückzug, Bewegung und Stillstand. Aus diesen Gegensatzpaaren schimmert unter Walter Angehrns Strichen eine feine, nachdenkliche, neue Lebendigkeit als Ergebnis stimmigen Jetzt-Beruhigt-Seins des Künstlers hervor. Den faszinierenden Gegenpol zu diesen 28 symbolhaften Ideen, die musikalische wie spirituelle Räume einfangen wollen, bilden kraftvolle Farbpigmente auf Packpapier unter den Tuschezeichnungen. Fast wie an einem Geländer kann man sich als Betrachter an ihnen «festhalten».
Kunst der Transformation
Die rot, weiss, schwarz und ocker dominierenden Farbfelder sind Gegengewichte, stützen das Verletzliche der Zeichnungen ab. Man studiere Station zehn des Angehrn'schen Zyklus: «Fluten rauschen stets einher», heisst es hierbei in der Tenor-Arie: Hektisch fallender Strich der Tuschezeichnung. «Hier versink ich in den Grund, Dort seh in der Hölle Schlund» führt der Kantatendichter weiter. Angehrn schafft hier den Strudel durch intensive Schwarz-Schichtung auf dem Packpapierstreifen.
Zeichnung oben, Farbfeld unten: In allen Bild-Stationen beziehen sie sich beide aus innerer Bewegtheit des Zeichners und Malers aufeinander, kommentieren sich, kann ihr Duktus zueinander oder auseinander streben.
Walter Angehrns Zyklus ist deutlich mehr als blosse Illustration der Musik. Er ist Ergebnis eines Berührtseins von der Vorlage, die aber in ihrer gelungenen Transformation zu etwas Neuem wird, was über Bach und den Kantatentext hinausgeht: Der Bilderzyklus wird zu einer Meditationsstrecke über das erwähnte Gesetz des Hellen im Dunklen und des Dunklen im Hellen, das das Leben – richtig verstanden – bestimmt.
Vorsicht und Genauigkeit
Walter Angehrns neue Bilder verraten den sensiblen, feinsinnigen Künstler, der sein inneres Berührtsein aber auch in eine genaue, in richtiger Vorsicht andeutende und daher eben nicht plakative oder auf vordergründige Emotionalität setzende Zeichensprache hineinfliessen hat lassen. Es ist Walter Angehrns erste Ausstellung nach seinem endgültigen Abschied vom Arztberuf, ein erstes Resultat eines wahrscheinlich nicht immer einfachen und durchaus errungenen Aufbruchs in die Welt der Kunst.
«Etwas Suchendes»
Seit er sich ausschliesslich der Kunst widme, habe das Malen das Heitere verloren, gesteht Walter Angehrn. «Es ist zur Herausforderung geworden.» «Etwas Suchendes begleitet mein Leben», teilt er mit. Diese faszinierende Zeichensprache als Resultat gerade dieses suchenden Aufspürens eigener Berührtheit (die dem Betrachter Raum gibt) ist es, welche in dieser Ausstellung zusätzlich, aber auch jenseits musikalischer oder textlicher Transformation «berührt».
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Das Glück einer edlen Edition
1. Januar 2010
‹… Dem St.Galler Künstler, der den Arztberuf für die Kunst aufgab, merkt man den überzeugten Ästheten an. Bei der Buchvernissage hat Angehrn jedes Exemplar, das er dem Kunstfreund übergeben konnte, nochmals auf die Qualität der Fadenknotung von Hand überprüft. Ins Schwärmen kommt Angehrn über die Lithographie und den Druck. Nur das Beste schien hier gut genug. Die Edition wurde in einer Druckerei im deutschen Altenburg verwirklicht, die seit dem 16.Jahrhundert mit Buchdruck Erfahrung hat. Für die Kunstedition der Bach-Tafeln, die sich durch ein ganz eigenes, archaisch reduziertes ‹Alphabet› auszeichnen, hat Roland Stieger (von der St.Galler Agentur TGG) mit der ‹Alena› auch eine eigene neue Schrift entwickelt. …›
St.Galler Tagblatt, 30. November 2009